{"id":41703,"date":"2026-09-15T13:19:43","date_gmt":"2026-09-15T12:19:43","guid":{"rendered":"https:\/\/sscb-stembiotech.ch\/?p=41703"},"modified":"2026-09-15T13:19:43","modified_gmt":"2026-09-15T12:19:43","slug":"mikrobiom-von-fruehgeborenen-und-nabelschnurblut-was-eine-zwillingsstudie-lehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sscb-stembiotech.ch\/de\/news\/mikrobiom-von-fruehgeborenen-und-nabelschnurblut-was-eine-zwillingsstudie-lehrt\/","title":{"rendered":"Mikrobiom von Fr\u00fchgeborenen und Nabelschnurblut: was eine Zwillingsstudie lehrt"},"content":{"rendered":"<p>Was geschieht mit dem Mikrobiom von Fr\u00fchgeborenen, wenn einem Kind bei der Geburt die eigenen Nabelschnurblutzellen zur\u00fcckgegeben werden? Eine randomisierte Studie hat genau das gemessen \u2013 mit einem ungew\u00f6hnlichen Design: dem Vergleich eineiiger Zwillinge, von denen einer mit den eigenen Zellen und der andere mit Kochsalzl\u00f6sung behandelt wurde. Bei den behandelten Kindern zeigen sich ein ausgeglicheneres Immunprofil und eine vielf\u00e4ltigere mikrobielle Flora.<\/p>\n<h2>Das Studiendesign: zwei eineiige Zwillinge im Vergleich<\/h2>\n<p>Die am schwersten kontrollierbare Gr\u00f6sse in der klinischen Forschung ist die Variabilit\u00e4t zwischen Individuen: Genetik, Umfeld und Krankengeschichte k\u00f6nnen die Interpretation der Ergebnisse verwischen. Die Arbeit mit eineiigen Zwillingspaaren \u2013 gleiches Genom, gleiche Schwangerschaft, gleicher Geburtszeitpunkt \u2013 nimmt einen grossen Teil dieses Grundrauschens heraus.<\/p>\n<p>In jedem Paar erhielt ein Zwilling eine Infusion mit ACB-MNC, den mononukle\u00e4ren Zellen aus dem eigenen Nabelschnurblut, der andere Kochsalzl\u00f6sung. Der Vergleich findet damit zwischen zwei so weit wie m\u00f6glich gleichwertigen Organismen statt.<\/p>\n<h2>Mikrobiom von Fr\u00fchgeborenen: warum es unter atypischen Bedingungen entsteht<\/h2>\n<p>Wer deutlich vor dem Termin zur Welt kommt, bringt ein noch unreifes Immunsystem mit. Daraus folgen zwei Konsequenzen, die sich gegenseitig verst\u00e4rken:<\/p>\n<ul>\n<li>eine schlecht regulierte Entz\u00fcndungsantwort, die zugleich zu schwach gegen Infektionen und zu aggressiv gegen\u00fcber dem eigenen Gewebe ausfallen kann;<\/li>\n<li>ein Mikrobiom \u2013 die Gemeinschaft der Mikroorganismen, die Darm und Atemwege besiedeln \u2013, das sich in einem untypischen Umfeld ansiedelt, h\u00e4ufig auf der Intensivstation, zwischen Antibiotika und nicht physiologischer Ern\u00e4hrung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Beide Ebenen h\u00e4ngen zusammen: Das Mikrobiom von Fr\u00fchgeborenen tr\u00e4gt in den ersten Lebensmonaten dazu bei, das Immunsystem zu \u00abschulen\u00bb, und ein aus dem Gleichgewicht geratenes Immunsystem ver\u00e4ndert seinerseits die mikrobielle Zusammensetzung.<\/p>\n<h2>Was sich am Immunsystem beobachten liess<\/h2>\n<p>Bei den Kindern, die ihre eigenen Nabelschnurblutzellen erhielten, registrierten die Forschenden eine konsistente Verschiebung in Richtung Immunhom\u00f6ostase, also in Richtung Gleichgewicht:<\/p>\n<ul>\n<li>Anstieg der regulatorischen T-Zellen (Treg), jener Lymphozyten, die die Immunantwort begrenzen und verhindern sollen, dass sie destruktiv wird;<\/li>\n<li>R\u00fcckgang der proinflammatorischen Zytokine, insbesondere IL-6 und IL-17A;<\/li>\n<li>Zunahme antientz\u00fcndlicher Faktoren wie IL-10 und TGF-\u03b2, die das Gewebe vor Entz\u00fcndungssch\u00e4den sch\u00fctzen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das ist nicht das Bild einer Immunsuppression, sondern einer Regulation: Das System wird nicht abgeschaltet, es wird in einen stabileren Zustand zur\u00fcckgef\u00fchrt.<\/p>\n<h2>Mikrobiom von Fr\u00fchgeborenen: mehr Vielfalt in Lunge und Darm<\/h2>\n<p>Die Infusion hinterliess auch in der Mikro\u00f6kologie der Organe Spuren: Bei den behandelten Kindern fiel die Vielfalt des Lungen- und Darmmikrobioms h\u00f6her aus als in der Kontrollgruppe.<\/p>\n<p>Mikrobielle Vielfalt gilt als anerkannter Gesundheitsindikator: Eine differenzierte Bakterienflora st\u00fctzt den Stoffwechsel, konkurriert mit Krankheitserregern und begleitet die Reifung der Schleimhautbarriere. Beim sehr kleinen Fr\u00fchgeborenen, das dem Risiko einer nekrotisierenden Enterokolitis und respiratorischer Infektionen ausgesetzt ist, ist das alles andere als ein theoretischer Parameter.<\/p>\n<h2>Die klinisch erfassten Vorteile<\/h2>\n<p>Neben den Labordaten hielt die Studie auch klinische Unterschiede fest. Gegen\u00fcber dem Kontrollzwilling zeigten die behandelten Kinder:<\/p>\n<ul>\n<li>eine geringere Zahl der f\u00fcr Fr\u00fchgeburtlichkeit typischen Komplikationen;<\/li>\n<li>ein besseres L\u00e4ngenwachstum \u2013 K\u00f6rpergr\u00f6sse und k\u00f6rperliche Entwicklung \u2013 \u00fcber die Zeit.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Wie diese Daten zu lesen sind<\/h2>\n<p>Die wissenschaftliche Lesart lautet: Nabelschnurblutzellen wirken als fr\u00fches regulatorisches Signal. Sie ersetzen kein fehlendes Gewebe, sondern lenken Immunit\u00e4t und Mikrobiom von Fr\u00fchgeborenen in einer Phase, in der beides noch formbar ist.<\/p>\n<p>Die strukturelle Einschr\u00e4nkung des Designs bleibt bestehen: Zwillingsstudien bieten eine ausgezeichnete Kontrolle, jedoch zwangsl\u00e4ufig kleine Fallzahlen. Eine Best\u00e4tigung an gr\u00f6sseren Kollektiven ist unverzichtbar.<\/p>\n<p>Wichtiger Hinweis \u2014 Die beschriebenen Anwendungen geh\u00f6ren in den Bereich der klinischen Forschung und sind keine in der aktuellen Praxis zugelassenen Therapien. Keine der wiedergegebenen Informationen ist als medizinische Empfehlung zu verstehen.<\/p>\n<h2>Mikrobiom von Fr\u00fchgeborenen: warum SSCB diese Forschung verfolgt<\/h2>\n<p>Ein Aspekt macht diese Forschungsrichtung f\u00fcr das Thema Einlagerung besonders relevant: Die eingesetzten Zellen stammen vom Kind selbst und m\u00fcssen in den Stunden oder Tagen unmittelbar nach der Geburt verabreicht werden. Die Probe muss also bei der Geburt gewonnen, fachgerecht aufbereitet und in einem sehr engen Zeitfenster verf\u00fcgbar gemacht werden.<\/p>\n<p>Genau das regeln die FACT-NetCord-Standards: Mindestschwellen f\u00fcr gesamtkernhaltige Zellen und CD34+, Zellvitalit\u00e4t, Lagertemperatur, R\u00fcckverfolgbarkeit nach ISBT 128. SSCB ist die einzige Schweizer Biobank mit dieser Akkreditierung.<\/p>\n<p>Sie m\u00f6chten wissen, wie die Gewinnung bei der Geburt abl\u00e4uft? <a href=\"https:\/\/sscb-stembiotech.ch\/de\/kontakt\/\">Lesen Sie unseren Leitfaden oder kontaktieren Sie das wissenschaftliche Team von SSCB.<\/a><\/p>\n<p>Quelle Ren Z, Nie C, Xu F, et al. <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/42047971\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Autologous Cord Blood Mononuclear Cells Modulate Immunity and the Microbiota in Very Preterm Twins: A Randomized Trial. Stem Cell<\/a> Rev Rep. 2026.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was geschieht mit dem Mikrobiom von Fr\u00fchgeborenen, wenn einem Kind bei der Geburt die eigenen Nabelschnurblutzellen zur\u00fcckgegeben werden? Eine randomisierte Studie hat genau das gemessen \u2013 mit einem ungew\u00f6hnlichen Design: dem Vergleich eineiiger Zwillinge, von denen einer mit den eigenen Zellen und der andere mit Kochsalzl\u00f6sung behandelt wurde. 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