{"id":41796,"date":"2026-10-06T09:43:36","date_gmt":"2026-10-06T08:43:36","guid":{"rendered":"https:\/\/sscb-stembiotech.ch\/news\/spina-bifida-und-stammzellen-aus-der-plazenta-was-die-cure-studie-zeigt\/"},"modified":"2026-10-06T09:43:36","modified_gmt":"2026-10-06T08:43:36","slug":"spina-bifida-und-stammzellen-aus-der-plazenta-was-die-cure-studie-zeigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sscb-stembiotech.ch\/de\/news\/spina-bifida-und-stammzellen-aus-der-plazenta-was-die-cure-studie-zeigt\/","title":{"rendered":"Spina bifida und Stammzellen aus der Plazenta: was die CuRe-Studie zeigt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Spina bifida und Stammzellen: Erstmals hat die Forschung den Operationssaal vor der Geburt erreicht. Die CuRe-Studie, im Februar 2026 in <em>The Lancet<\/em> ver\u00f6ffentlicht, hat die Fetalchirurgie bei Myelomeningozele um ein Pflaster aus mesenchymalen Stammzellen aus der Plazenta erg\u00e4nzt. Die Ergebnisse der Phase 1 zeigen, dass das Verfahren sicher und durchf\u00fchrbar ist. Die Wirksamkeit muss dagegen erst noch nachgewiesen werden.<\/strong><\/p>\n<h2>Was ist Spina bifida und warum ist die Myelomeningozele die schwerste Form?<\/h2>\n<p><strong>Spina bifida<\/strong> ist ein Neuralrohrdefekt: In den ersten Schwangerschaftswochen schliesst sich die Wirbels\u00e4ule des F\u00f6tus nicht vollst\u00e4ndig. Es gibt verschiedene Formen, von der Spina bifida occulta, die oft keine Symptome verursacht, bis zur <strong>Myelomeningozele<\/strong>, der schwersten Form.<\/p>\n<p>Bei der Myelomeningozele liegt das R\u00fcckenmark frei und ist dem Milieu in der Geb\u00e4rmutter ausgesetzt. Der daraus entstehende Schaden ist zweifach:<\/p>\n<ul>\n<li>der <strong>prim\u00e4re Schaden<\/strong>, bedingt durch den fehlenden anatomischen Verschluss;<\/li>\n<li>der <strong>sekund\u00e4re Schaden<\/strong>, verursacht durch das mechanische und chemische Trauma der langen Exposition gegen\u00fcber dem Fruchtwasser w\u00e4hrend der Schwangerschaft.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gerade die sekund\u00e4re Komponente macht einen Eingriff vor der Geburt sinnvoll: Weniger Expositionszeit bedeutet, zumindest theoretisch, weniger Schaden am Nervengewebe.<\/p>\n<h2>Fetalchirurgie bei Spina bifida: der Ausgangspunkt<\/h2>\n<p>Die <strong>Fetalchirurgie<\/strong> verschliesst die L\u00e4sion im Mutterleib und verringert so die Exposition des R\u00fcckenmarks. Die Referenzstudie ist MOMS (<em>Management of Myelomeningocele Study<\/em>), 2011 im <em>New England Journal of Medicine<\/em> ver\u00f6ffentlicht. Im Vergleich zur Operation nach der Geburt verringerte die pr\u00e4natale Korrektur den Bedarf an einem Shunt zur Behandlung des Hydrozephalus und verbesserte die motorischen Ergebnisse, allerdings bei einem h\u00f6heren Risiko f\u00fcr Fr\u00fchgeburten und Komplikationen an der Geb\u00e4rmutter der Mutter.<\/p>\n<p>Heute ist die Fetalchirurgie in ausgew\u00e4hlten Zentren klinischer Standard. Ein erheblicher Teil der Kinder kommt trotzdem mit bleibenden motorischen Einschr\u00e4nkungen zur Welt. Daraus ergibt sich die Frage hinter der neuen Studie: L\u00e4sst sich w\u00e4hrend desselben Eingriffs mehr erreichen?<\/p>\n<h2>Spina bifida und Stammzellen: die Hypothese der CuRe-Studie<\/h2>\n<p>Die Forschenden der <strong>University of California, Davis<\/strong> gingen von einer Beobachtung aus: Wenn ein Teil des Schadens entz\u00fcndlicher und degenerativer Natur ist, k\u00f6nnte ein zus\u00e4tzliches <strong>neuroprotektives<\/strong> Element beim chirurgischen Verschluss das Ergebnis verbessern.<\/p>\n<p>Der Zusammenhang zwischen Spina bifida und Stammzellen betrifft in dieser Studie also nicht den Wiederaufbau des R\u00fcckenmarks, sondern seinen Schutz im heikelsten Moment.<\/p>\n<h3>Warum gerade Stammzellen aus der Plazenta<\/h3>\n<p>Die Wahl fiel auf <strong>PMSC<\/strong>, mesenchymale Stammzellen aus <strong>Spenderplazenten<\/strong>. Pr\u00e4klinische Studien haben drei Eigenschaften dokumentiert, die in diesem Zusammenhang n\u00fctzlich sind:<\/p>\n<ul>\n<li>neuroprotektive F\u00e4higkeiten;<\/li>\n<li>entz\u00fcndungshemmende Wirkung;<\/li>\n<li>Aussch\u00fcttung von Wachstumsfaktoren, die die Integrit\u00e4t des Nervengewebes unterst\u00fctzen.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Das regenerative \u00abPflaster\u00bb auf dem R\u00fcckenmark<\/h3>\n<p>Technisch am interessantesten ist die Art der Verabreichung. Die Zellen wurden nicht infundiert, sondern <strong>auf eine extrazellul\u00e4re Matrix aufgebracht<\/strong>: ein biologisches Ger\u00fcst, das in der Neurochirurgie bereits als Dura-Ersatz verwendet wird. So entsteht ein regelrechtes Zellpflaster.<\/p>\n<p>Das Pflaster wurde w\u00e4hrend des Eingriffs, der <strong>zwischen 24+5 und 25+5 Schwangerschaftswochen<\/strong> stattfand, direkt auf das freiliegende R\u00fcckenmark gelegt. Die Zellen bleiben so genau dort, wo ihre parakrine Wirkung, also die Wirkung der von ihnen freigesetzten Molek\u00fcle, das Nervengewebe erreichen kann.<\/p>\n<h2>CuRe-Studie: die Ergebnisse der Phase 1<\/h2>\n<p>An der <a href=\"https:\/\/clinicaltrials.gov\/study\/NCT04652908\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">auf ClinicalTrials.gov registrierten<\/a> Studie nahmen <strong>sechs schwangere Patientinnen<\/strong> teil. Wie jede Phase-1-Studie hatte sie Sicherheit und Durchf\u00fchrbarkeit als prim\u00e4res Ziel, nicht die Wirksamkeit. Die wichtigsten Punkte:<\/p>\n<ul>\n<li>Keine Nebenwirkungen, die auf die Stammzellen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, weder bei den M\u00fcttern noch bei den Neugeborenen.<\/li>\n<li>Bei der Geburt waren die Verschlussstellen intakt, ohne Infektionen, Liquorlecks oder abnormes Gewebewachstum: kein selbstverst\u00e4ndliches Ergebnis, wenn teilungsf\u00e4hige Zellen implantiert werden.<\/li>\n<li><strong>Neurologischer Befund.<\/strong> Bei allen Neugeborenen zeigte die MRT nach der Geburt die R\u00fcckbildung der <strong>Hinterhirnherniation<\/strong>, also der Verlagerung von Kleinhirn und Hirnstamm nach unten, die f\u00fcr die mit Spina bifida verbundene Chiari-II-Malformation typisch ist.<\/li>\n<li>Kein Neugeborenes ben\u00f6tigte vor der Entlassung einen Shunt wegen eines Hydrozephalus.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die letzten beiden Befunde sind mit Vorsicht zu lesen. Die Studie hatte keine Kontrollgruppe, und die R\u00fcckbildung der Herniation wird auch nach alleiniger Fetalchirurgie beobachtet: Derzeit l\u00e4sst sie sich nicht den Zellen zuschreiben.<\/p>\n<h2>Was von der Phase 1\/2a zu erwarten ist<\/h2>\n<p>Aufgrund der Ergebnisse der ersten sechs F\u00e4lle haben das \u00dcberwachungskomitee und die FDA die Fortsetzung der Studie als <strong>Phase-1\/2a-Studie<\/strong> mit 35 neuen Patientinnen genehmigt. Wie <a href=\"https:\/\/health.ucdavis.edu\/news\/headlines\/first-ever-in-utero-stem-cell-therapy-for-fetal-spina-bifida-repair-is-safe-study-finds\/2026\/02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">UC Davis Health mitteilte<\/a>, werden die Kinder bis zum Alter von 6 Jahren begleitet, um die Langzeitsicherheit und erste Hinweise auf Motorik, Blasen- und Darmfunktion zu beurteilen.<\/p>\n<p>In dieser Phase wird sich zeigen, ob die Zellen die funktionellen Ergebnisse im Vergleich zur alleinigen Operation tats\u00e4chlich verbessern. Die aktuellen Daten belegen das noch nicht, und es w\u00e4re falsch, sie so darzustellen. Sie zeigen, dass das Verfahren machbar und sicher ist: die notwendige Voraussetzung, um die Frage nach der Wirksamkeit \u00fcberhaupt stellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wichtiger Hinweis. <\/strong>Die beschriebenen Anwendungen geh\u00f6ren zur klinischen Forschung und sind in der heutigen Praxis keine zugelassenen Therapien. Keine der hier enthaltenen Informationen ist als medizinischer Rat zu verstehen.<\/p>\n<h2>Warum SSCB die Forschung zu Stammzellen aus der Plazenta verfolgt<\/h2>\n<p>Diese Studie betrifft die <strong>Plazenta<\/strong>, die dritte Quelle perinataler Stammzellen neben Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe. Sie ist in der \u00d6ffentlichkeit am wenigsten bekannt und, gemessen an der Zahl aktiver Studien, die j\u00fcngste: Laut ClinicalTrials.gov laufen rund <strong>24 klinische Studien<\/strong>, gegen\u00fcber 217 zu Nabelschnurblut und 313 zu Nabelschnurgewebe.<\/p>\n<p>SSCB lagert alle drei Quellen ein. Der Grund ist einfach, und die Forschung best\u00e4tigt ihn Jahr f\u00fcr Jahr: Unterschiedliche Quellen enthalten unterschiedliche Zellpopulationen mit Anwendungsprofilen, die sich nicht \u00fcberschneiden.<\/p>\n<p><strong>M\u00f6chten Sie die Unterschiede zwischen Nabelschnurblut, Nabelschnurgewebe und Plazenta kennen?<\/strong> <a href=\"https:\/\/sscb-stembiotech.ch\/de\/stammzellen\/\">Lesen Sie unseren ausf\u00fchrlichen Beitrag<\/a><\/p>\n<h2 style=\"margin: 12.0pt 0cm 6.0pt 0cm;\">H\u00e4ufige Fragen zu Spina bifida und Stammzellen<\/h2>\n<h3>Was ist die CuRe-Studie?<\/h3>\n<p>Es ist die erste klinische Studie am Menschen, in der die Fetalchirurgie bei Myelomeningozele, der schwersten Form der Spina bifida, um mesenchymale Stammzellen plazentaren Ursprungs erg\u00e4nzt wurde. Sie wird von der University of California, Davis, durchgef\u00fchrt; die Ergebnisse der Phase 1 erschienen 2026 in <em>The Lancet<\/em>.<\/p>\n<h3>Sind Stammzellen bereits eine Therapie bei Spina bifida?<\/h3>\n<p>Nein. Der Einsatz von Stammzellen bei Spina bifida ist derzeit Gegenstand klinischer Forschung und keine zugelassene Therapie. Phase 1 der CuRe-Studie hat Sicherheit und Durchf\u00fchrbarkeit untersucht; die Wirksamkeit wird in den n\u00e4chsten Phasen gepr\u00fcft.<\/p>\n<h3>Wann wird die Fetalchirurgie bei Spina bifida durchgef\u00fchrt?<\/h3>\n<p>Im Mutterleib, in der Regel bis sp\u00e4testens 25+6 Schwangerschaftswochen, in spezialisierten Zentren und nach Pr\u00fcfung der Eignungskriterien f\u00fcr Mutter und F\u00f6tus. In der CuRe-Studie fand der Eingriff zwischen 24+5 und 25+5 Wochen statt.<\/p>\n<h3>Warum Stammzellen aus der Plazenta?<\/h3>\n<p>In pr\u00e4klinischen Studien zeigten diese mesenchymalen Stammzellen neuroprotektive und entz\u00fcndungshemmende Eigenschaften sowie die F\u00e4higkeit, f\u00fcr das Nervengewebe n\u00fctzliche Wachstumsfaktoren auszusch\u00fctten. Deshalb wurden sie gew\u00e4hlt, um das freiliegende R\u00fcckenmark w\u00e4hrend des Eingriffs zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<h3>Was bedeutet es, wenn eine Studie in Phase 1 ist?<\/h3>\n<p>Es ist die erste Phase der klinischen Pr\u00fcfung am Menschen. Sie umfasst wenige Patientinnen und Patienten und soll zeigen, dass eine Behandlung sicher und praktikabel ist, nicht ihre Wirksamkeit belegen, die in sp\u00e4teren Phasen gepr\u00fcft wird.<\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n<p>Farmer DL, Kumar P, Reynolds E, et al. <em>F<a href=\"https:\/\/www.thelancet.com\/journals\/lancet\/article\/PIIS0140-6736(25)02466-3\/fulltext\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">easibility and safety of cellular therapy for in-utero repair of myelomeningocele (CuRe Trial): a first-in-human, phase 1, single-arm study<\/a>.<\/em> Lancet. 2026;407:867-75.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spina bifida und Stammzellen: Erstmals hat die Forschung den Operationssaal vor der Geburt erreicht. Die CuRe-Studie, im Februar 2026 in The Lancet ver\u00f6ffentlicht, hat die Fetalchirurgie bei Myelomeningozele um ein Pflaster aus mesenchymalen Stammzellen aus der Plazenta erg\u00e4nzt. 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