Nabelschnurblut, das bei der Geburt gewonnen wurde, stand im Mittelpunkt einer Phase-II-Studie, die eine Gruppe sehr früh geborener Kinder über fünf Jahre begleitet hat. Die in Stem Cells Translational Medicine veröffentlichten Ergebnisse zeigen signifikante Unterschiede in der Feinmotorik und im persönlich-sozialen Bereich. Es ist eine der ganz wenigen Studien auf diesem Gebiet, die einen so langen Nachbeobachtungszeitraum erreicht.
Die Herausforderung, die nach dem Überleben beginnt
In den vergangenen dreissig Jahren hat die Neonatologie die Schwelle des Überlebens Schritt für Schritt nach vorn verschoben. Heute lautet die Forschungsfrage nicht mehr nur, ob ein sehr früh geborenes Kind — also ein Kind, das vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt — überlebt, sondern mit welcher Lebensqualität es aufwachsen wird.
Zu den bedeutsamsten Komplikationen zählt die bronchopulmonale Dysplasie (BPD), eine chronische Lungenerkrankung, die aus zwei parallelen Prozessen entsteht: einer alveolären Vereinfachung, also einer unvollständigen Entwicklung der kleinen Luftsäckchen, in denen der Sauerstoffaustausch stattfindet, und einer ungeordneten Lungengefässbildung. Die BPD bleibt nicht auf die Lunge beschränkt: Sie ist mit einem erhöhten Risiko für Entwicklungsstörungen des Nervensystems verbunden — von der Zerebralparese bis zu kognitiven Verzögerungen.
Die verfügbaren Therapien — allen voran Kortikosteroide — haben nur begrenzten Nutzen gezeigt und in einigen Protokollen Fragen zu den Langzeitwirkungen auf die Hirnentwicklung aufgeworfen. Daher das Interesse der Forschung an anderen Ansätzen.
Warum für diese Studie Nabelschnurblut gewählt wurde
Nabelschnurblut enthält mononukleäre Zellen (MNC): eine gemischte Population aus hämatopoetischen Stammzellen, endothelialen Vorläuferzellen und einem Anteil mesenchymaler Stammzellen. Es ist eine Kombination mit entzündungshemmenden und trophischen Eigenschaften — das heisst, sie kann die Geweberegeneration unterstützen.
Die Studie verwendete ACBMNC, also mononukleäre Zellen aus autologem Nabelschnurblut. Der Begriff autolog ist entscheidend: Die Zellen gehören dem Kind selbst, sie werden bei der Geburt aus seiner eigenen Nabelschnur gewonnen und in den Stunden danach zurückgegeben. Damit entfällt per Definition jedes Risiko einer Abstossung oder einer Immunreaktion gegen einen Spender.
Das ist auch der Grund, weshalb das Zeitfenster so eng ist: Ohne eine Entnahme bei der Geburt ist diese Art der Behandlung nicht durchführbar. Die Einzelheiten des Verfahrens finden Sie in unserem Leitfaden zur Gewinnung und Lagerung von Nabelschnurblut.
Wie die Studie zum autologen Nabelschnurblut angelegt war
Die Forschenden schlossen 62 sehr früh geborene Kinder ein. Eine Gruppe erhielt innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt eine intravenöse Infusion des eigenen Nabelschnurbluts; die Kontrollgruppe erhielt eine Kochsalzlösung.
Die Studie wurde doppelblind durchgeführt: Weder die Eltern noch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte wussten, wer die Zellen erhalten hatte. Nach den Untersuchungen bei der Entlassung und im Alter von zwei Jahren schloss das Team die Fünfjahresnachbeobachtung bei 53 Kindern ab und erfasste dabei Wachstum, Atemwegsgesundheit und neurologische Entwicklung mithilfe des standardisierten Fragebogens ASQ-3 (Ages & Stages Questionnaires).
Die Ergebnisse: Der wichtigste Befund betrifft das Gehirn
Nach fünf Jahren erzielten die Kinder, die bei der Geburt die Nabelschnurblut-Infusion erhalten hatten, in zwei Bereichen signifikant bessere Werte:
- Feinmotorik — die Koordination der kleinen Muskeln von Händen und Fingern: einen Stift halten, eine Schere benutzen, einen Knopf schliessen.
- Persönlich-sozialer Bereich — der Umgang mit anderen, die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse auszudrücken, die Selbstständigkeit im Alltag.
Der belastbarste Befund ist jedoch ein anderer: Die nach fünf Jahren beobachteten Vorteile stimmen mit den Werten der Bayley-Skala im Alter von zwei Jahren überein. Es handelt sich also nicht um eine vorübergehende Verbesserung, sondern um einen Effekt, der über das Heranwachsen hinweg stabil bleibt.
Atmung und körperliches Wachstum
Auf pulmonaler Seite waren die Hospitalisationsraten wegen Lungenentzündung in beiden Gruppen vergleichbar. Ein deutlicher Unterschied zeigte sich jedoch bei einem Symptom, das den Alltag belastet: Nächtlicher Husten, ein Hinweis auf eine Überempfindlichkeit der Atemwege (bronchiale Hyperreagibilität), wurde bei 30,4 % der behandelten Kinder berichtet, gegenüber 70 % in der Kontrollgruppe.
Bei Gewicht, Körpergrösse und BMI ergaben sich keine signifikanten Unterschiede: Beide Gruppen wuchsen vergleichbar. Richtig gelesen ist das ein beruhigendes Ergebnis — es bestätigt, dass die Nabelschnurblut-Infusion die körperliche Entwicklung nicht beeinträchtigt.
Die Grenzen, von den Autoren selbst benannt
Wissenschaftliche Redlichkeit verlangt, auch die Grenzen dieser Arbeit zu benennen; die Autoren tun dies mit aller Klarheit:
- Geringe Fallzahl. 53 Kinder im fünften Jahr sind zu wenige, um auf die gesamte Population sehr früh geborener Kinder zu verallgemeinern.
- Nicht vollständig randomisiertes Design. Trotz der Doppelverblindung erfolgte die Zuteilung zu den Gruppen nicht rein zufällig; es wurden statistische Korrekturen vorgenommen, ein gewisses Verzerrungsrisiko bleibt jedoch bestehen.
- Teilweise subjektive Beurteilung. Der ASQ-3 ist ein validiertes Instrument, beruht aber auf den Angaben der Eltern.
Bevor von einem Behandlungsstandard gesprochen werden kann, sind grosse, multizentrische randomisierte Studien erforderlich. Die derzeit laufenden Studien zu dieser Forschungsrichtung sind auf ClinicalTrials.gov einsehbar.
Nabelschnurblut: Was sich daraus heute ableiten lässt
Der Wert dieser Forschung liegt vor allem in ihrer Dauer. Studien zu Nabelschnurblut im neonatologischen Bereich endeten fast immer nach kurzen Beobachtungszeiträumen; hier liegen fünf Jahre an Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten vor, und die Vorteile haben im Lauf der Zeit nicht nachgelassen.
Die grundlegende Botschaft lautet: Nabelschnurblut — ein Gewebe, das bei der Geburt normalerweise verworfen wird — ist eine biologische Ressource, die die Forschung in sehr genau bestimmten Zeitfenstern zu nutzen lernt, dann nämlich, wenn Nerven- und Lungensystem des Neugeborenen am verletzlichsten sind.
Wichtiger Hinweis. Die in diesem Artikel beschriebenen Anwendungen gehören zum Bereich der klinischen Forschung und stellen keine zugelassenen, in der gängigen Praxis verfügbaren Therapien dar. Keine der hier wiedergegebenen Informationen ist als medizinische Empfehlung zu verstehen. Für jede klinische Beurteilung wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.
Warum SSCB diese Studien verfolgt
SSCB – Swiss Stem Cells Biotech lagert seit 2005 Stammzellen aus Nabelschnurblut, Nabelschnurgewebe und Plazenta und ist die einzige Schweizer Biobank mit FACT-NetCord-Akkreditierung, dem internationalen Standard speziell für Nabelschnurblutbanken.
Die Qualität der eingelagerten Probe — Gesamtzahl kernhaltiger Zellen, Vitalität, Lagertemperatur, ISBT-128-Rückverfolgbarkeit — ist genau das, was eine Nabelschnurblutprobe für den klinischen oder experimentellen Einsatz brauchbar macht. Ausführlich behandeln wir das in unserem Beitrag zu Standards und Zertifizierungen von Biobanken sowie im Vergleich von Nabelschnurblut, Nabelschnurgewebe und Plazenta.
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Quelle
Ren Z, Han J, Zhang Q, et al. Five-year follow-up of phase II trial of autologous cord blood mononuclear cells for bronchopulmonary dysplasia prevention in very preterm infants. Stem Cells Transl Med. 2026;15(8):szag045. doi:10.1093/stcltm/szag045
