Was geschieht mit dem Mikrobiom von Frühgeborenen, wenn einem Kind bei der Geburt die eigenen Nabelschnurblutzellen zurückgegeben werden? Eine randomisierte Studie hat genau das gemessen – mit einem ungewöhnlichen Design: dem Vergleich eineiiger Zwillinge, von denen einer mit den eigenen Zellen und der andere mit Kochsalzlösung behandelt wurde. Bei den behandelten Kindern zeigen sich ein ausgeglicheneres Immunprofil und eine vielfältigere mikrobielle Flora.
Das Studiendesign: zwei eineiige Zwillinge im Vergleich
Die am schwersten kontrollierbare Grösse in der klinischen Forschung ist die Variabilität zwischen Individuen: Genetik, Umfeld und Krankengeschichte können die Interpretation der Ergebnisse verwischen. Die Arbeit mit eineiigen Zwillingspaaren – gleiches Genom, gleiche Schwangerschaft, gleicher Geburtszeitpunkt – nimmt einen grossen Teil dieses Grundrauschens heraus.
In jedem Paar erhielt ein Zwilling eine Infusion mit ACB-MNC, den mononukleären Zellen aus dem eigenen Nabelschnurblut, der andere Kochsalzlösung. Der Vergleich findet damit zwischen zwei so weit wie möglich gleichwertigen Organismen statt.
Mikrobiom von Frühgeborenen: warum es unter atypischen Bedingungen entsteht
Wer deutlich vor dem Termin zur Welt kommt, bringt ein noch unreifes Immunsystem mit. Daraus folgen zwei Konsequenzen, die sich gegenseitig verstärken:
- eine schlecht regulierte Entzündungsantwort, die zugleich zu schwach gegen Infektionen und zu aggressiv gegenüber dem eigenen Gewebe ausfallen kann;
- ein Mikrobiom – die Gemeinschaft der Mikroorganismen, die Darm und Atemwege besiedeln –, das sich in einem untypischen Umfeld ansiedelt, häufig auf der Intensivstation, zwischen Antibiotika und nicht physiologischer Ernährung.
Beide Ebenen hängen zusammen: Das Mikrobiom von Frühgeborenen trägt in den ersten Lebensmonaten dazu bei, das Immunsystem zu «schulen», und ein aus dem Gleichgewicht geratenes Immunsystem verändert seinerseits die mikrobielle Zusammensetzung.
Was sich am Immunsystem beobachten liess
Bei den Kindern, die ihre eigenen Nabelschnurblutzellen erhielten, registrierten die Forschenden eine konsistente Verschiebung in Richtung Immunhomöostase, also in Richtung Gleichgewicht:
- Anstieg der regulatorischen T-Zellen (Treg), jener Lymphozyten, die die Immunantwort begrenzen und verhindern sollen, dass sie destruktiv wird;
- Rückgang der proinflammatorischen Zytokine, insbesondere IL-6 und IL-17A;
- Zunahme antientzündlicher Faktoren wie IL-10 und TGF-β, die das Gewebe vor Entzündungsschäden schützen.
Das ist nicht das Bild einer Immunsuppression, sondern einer Regulation: Das System wird nicht abgeschaltet, es wird in einen stabileren Zustand zurückgeführt.
Mikrobiom von Frühgeborenen: mehr Vielfalt in Lunge und Darm
Die Infusion hinterliess auch in der Mikroökologie der Organe Spuren: Bei den behandelten Kindern fiel die Vielfalt des Lungen- und Darmmikrobioms höher aus als in der Kontrollgruppe.
Mikrobielle Vielfalt gilt als anerkannter Gesundheitsindikator: Eine differenzierte Bakterienflora stützt den Stoffwechsel, konkurriert mit Krankheitserregern und begleitet die Reifung der Schleimhautbarriere. Beim sehr kleinen Frühgeborenen, das dem Risiko einer nekrotisierenden Enterokolitis und respiratorischer Infektionen ausgesetzt ist, ist das alles andere als ein theoretischer Parameter.
Die klinisch erfassten Vorteile
Neben den Labordaten hielt die Studie auch klinische Unterschiede fest. Gegenüber dem Kontrollzwilling zeigten die behandelten Kinder:
- eine geringere Zahl der für Frühgeburtlichkeit typischen Komplikationen;
- ein besseres Längenwachstum – Körpergrösse und körperliche Entwicklung – über die Zeit.
Wie diese Daten zu lesen sind
Die wissenschaftliche Lesart lautet: Nabelschnurblutzellen wirken als frühes regulatorisches Signal. Sie ersetzen kein fehlendes Gewebe, sondern lenken Immunität und Mikrobiom von Frühgeborenen in einer Phase, in der beides noch formbar ist.
Die strukturelle Einschränkung des Designs bleibt bestehen: Zwillingsstudien bieten eine ausgezeichnete Kontrolle, jedoch zwangsläufig kleine Fallzahlen. Eine Bestätigung an grösseren Kollektiven ist unverzichtbar.
Wichtiger Hinweis — Die beschriebenen Anwendungen gehören in den Bereich der klinischen Forschung und sind keine in der aktuellen Praxis zugelassenen Therapien. Keine der wiedergegebenen Informationen ist als medizinische Empfehlung zu verstehen.
Mikrobiom von Frühgeborenen: warum SSCB diese Forschung verfolgt
Ein Aspekt macht diese Forschungsrichtung für das Thema Einlagerung besonders relevant: Die eingesetzten Zellen stammen vom Kind selbst und müssen in den Stunden oder Tagen unmittelbar nach der Geburt verabreicht werden. Die Probe muss also bei der Geburt gewonnen, fachgerecht aufbereitet und in einem sehr engen Zeitfenster verfügbar gemacht werden.
Genau das regeln die FACT-NetCord-Standards: Mindestschwellen für gesamtkernhaltige Zellen und CD34+, Zellvitalität, Lagertemperatur, Rückverfolgbarkeit nach ISBT 128. SSCB ist die einzige Schweizer Biobank mit dieser Akkreditierung.
Sie möchten wissen, wie die Gewinnung bei der Geburt abläuft? Lesen Sie unseren Leitfaden oder kontaktieren Sie das wissenschaftliche Team von SSCB.
Quelle Ren Z, Nie C, Xu F, et al. Autologous Cord Blood Mononuclear Cells Modulate Immunity and the Microbiota in Very Preterm Twins: A Randomized Trial. Stem Cell Rev Rep. 2026.
