Spina bifida und Stammzellen: Erstmals hat die Forschung den Operationssaal vor der Geburt erreicht. Die CuRe-Studie, im Februar 2026 in The Lancet veröffentlicht, hat die Fetalchirurgie bei Myelomeningozele um ein Pflaster aus mesenchymalen Stammzellen aus der Plazenta ergänzt. Die Ergebnisse der Phase 1 zeigen, dass das Verfahren sicher und durchführbar ist. Die Wirksamkeit muss dagegen erst noch nachgewiesen werden.
Was ist Spina bifida und warum ist die Myelomeningozele die schwerste Form?
Spina bifida ist ein Neuralrohrdefekt: In den ersten Schwangerschaftswochen schliesst sich die Wirbelsäule des Fötus nicht vollständig. Es gibt verschiedene Formen, von der Spina bifida occulta, die oft keine Symptome verursacht, bis zur Myelomeningozele, der schwersten Form.
Bei der Myelomeningozele liegt das Rückenmark frei und ist dem Milieu in der Gebärmutter ausgesetzt. Der daraus entstehende Schaden ist zweifach:
- der primäre Schaden, bedingt durch den fehlenden anatomischen Verschluss;
- der sekundäre Schaden, verursacht durch das mechanische und chemische Trauma der langen Exposition gegenüber dem Fruchtwasser während der Schwangerschaft.
Gerade die sekundäre Komponente macht einen Eingriff vor der Geburt sinnvoll: Weniger Expositionszeit bedeutet, zumindest theoretisch, weniger Schaden am Nervengewebe.
Fetalchirurgie bei Spina bifida: der Ausgangspunkt
Die Fetalchirurgie verschliesst die Läsion im Mutterleib und verringert so die Exposition des Rückenmarks. Die Referenzstudie ist MOMS (Management of Myelomeningocele Study), 2011 im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Im Vergleich zur Operation nach der Geburt verringerte die pränatale Korrektur den Bedarf an einem Shunt zur Behandlung des Hydrozephalus und verbesserte die motorischen Ergebnisse, allerdings bei einem höheren Risiko für Frühgeburten und Komplikationen an der Gebärmutter der Mutter.
Heute ist die Fetalchirurgie in ausgewählten Zentren klinischer Standard. Ein erheblicher Teil der Kinder kommt trotzdem mit bleibenden motorischen Einschränkungen zur Welt. Daraus ergibt sich die Frage hinter der neuen Studie: Lässt sich während desselben Eingriffs mehr erreichen?
Spina bifida und Stammzellen: die Hypothese der CuRe-Studie
Die Forschenden der University of California, Davis gingen von einer Beobachtung aus: Wenn ein Teil des Schadens entzündlicher und degenerativer Natur ist, könnte ein zusätzliches neuroprotektives Element beim chirurgischen Verschluss das Ergebnis verbessern.
Der Zusammenhang zwischen Spina bifida und Stammzellen betrifft in dieser Studie also nicht den Wiederaufbau des Rückenmarks, sondern seinen Schutz im heikelsten Moment.
Warum gerade Stammzellen aus der Plazenta
Die Wahl fiel auf PMSC, mesenchymale Stammzellen aus Spenderplazenten. Präklinische Studien haben drei Eigenschaften dokumentiert, die in diesem Zusammenhang nützlich sind:
- neuroprotektive Fähigkeiten;
- entzündungshemmende Wirkung;
- Ausschüttung von Wachstumsfaktoren, die die Integrität des Nervengewebes unterstützen.
Das regenerative «Pflaster» auf dem Rückenmark
Technisch am interessantesten ist die Art der Verabreichung. Die Zellen wurden nicht infundiert, sondern auf eine extrazelluläre Matrix aufgebracht: ein biologisches Gerüst, das in der Neurochirurgie bereits als Dura-Ersatz verwendet wird. So entsteht ein regelrechtes Zellpflaster.
Das Pflaster wurde während des Eingriffs, der zwischen 24+5 und 25+5 Schwangerschaftswochen stattfand, direkt auf das freiliegende Rückenmark gelegt. Die Zellen bleiben so genau dort, wo ihre parakrine Wirkung, also die Wirkung der von ihnen freigesetzten Moleküle, das Nervengewebe erreichen kann.
CuRe-Studie: die Ergebnisse der Phase 1
An der auf ClinicalTrials.gov registrierten Studie nahmen sechs schwangere Patientinnen teil. Wie jede Phase-1-Studie hatte sie Sicherheit und Durchführbarkeit als primäres Ziel, nicht die Wirksamkeit. Die wichtigsten Punkte:
- Keine Nebenwirkungen, die auf die Stammzellen zurückzuführen sind, weder bei den Müttern noch bei den Neugeborenen.
- Bei der Geburt waren die Verschlussstellen intakt, ohne Infektionen, Liquorlecks oder abnormes Gewebewachstum: kein selbstverständliches Ergebnis, wenn teilungsfähige Zellen implantiert werden.
- Neurologischer Befund. Bei allen Neugeborenen zeigte die MRT nach der Geburt die Rückbildung der Hinterhirnherniation, also der Verlagerung von Kleinhirn und Hirnstamm nach unten, die für die mit Spina bifida verbundene Chiari-II-Malformation typisch ist.
- Kein Neugeborenes benötigte vor der Entlassung einen Shunt wegen eines Hydrozephalus.
Die letzten beiden Befunde sind mit Vorsicht zu lesen. Die Studie hatte keine Kontrollgruppe, und die Rückbildung der Herniation wird auch nach alleiniger Fetalchirurgie beobachtet: Derzeit lässt sie sich nicht den Zellen zuschreiben.
Was von der Phase 1/2a zu erwarten ist
Aufgrund der Ergebnisse der ersten sechs Fälle haben das Überwachungskomitee und die FDA die Fortsetzung der Studie als Phase-1/2a-Studie mit 35 neuen Patientinnen genehmigt. Wie UC Davis Health mitteilte, werden die Kinder bis zum Alter von 6 Jahren begleitet, um die Langzeitsicherheit und erste Hinweise auf Motorik, Blasen- und Darmfunktion zu beurteilen.
In dieser Phase wird sich zeigen, ob die Zellen die funktionellen Ergebnisse im Vergleich zur alleinigen Operation tatsächlich verbessern. Die aktuellen Daten belegen das noch nicht, und es wäre falsch, sie so darzustellen. Sie zeigen, dass das Verfahren machbar und sicher ist: die notwendige Voraussetzung, um die Frage nach der Wirksamkeit überhaupt stellen zu können.
Wichtiger Hinweis. Die beschriebenen Anwendungen gehören zur klinischen Forschung und sind in der heutigen Praxis keine zugelassenen Therapien. Keine der hier enthaltenen Informationen ist als medizinischer Rat zu verstehen.
Warum SSCB die Forschung zu Stammzellen aus der Plazenta verfolgt
Diese Studie betrifft die Plazenta, die dritte Quelle perinataler Stammzellen neben Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe. Sie ist in der Öffentlichkeit am wenigsten bekannt und, gemessen an der Zahl aktiver Studien, die jüngste: Laut ClinicalTrials.gov laufen rund 24 klinische Studien, gegenüber 217 zu Nabelschnurblut und 313 zu Nabelschnurgewebe.
SSCB lagert alle drei Quellen ein. Der Grund ist einfach, und die Forschung bestätigt ihn Jahr für Jahr: Unterschiedliche Quellen enthalten unterschiedliche Zellpopulationen mit Anwendungsprofilen, die sich nicht überschneiden.
Möchten Sie die Unterschiede zwischen Nabelschnurblut, Nabelschnurgewebe und Plazenta kennen? Lesen Sie unseren ausführlichen Beitrag
Häufige Fragen zu Spina bifida und Stammzellen
Was ist die CuRe-Studie?
Es ist die erste klinische Studie am Menschen, in der die Fetalchirurgie bei Myelomeningozele, der schwersten Form der Spina bifida, um mesenchymale Stammzellen plazentaren Ursprungs ergänzt wurde. Sie wird von der University of California, Davis, durchgeführt; die Ergebnisse der Phase 1 erschienen 2026 in The Lancet.
Sind Stammzellen bereits eine Therapie bei Spina bifida?
Nein. Der Einsatz von Stammzellen bei Spina bifida ist derzeit Gegenstand klinischer Forschung und keine zugelassene Therapie. Phase 1 der CuRe-Studie hat Sicherheit und Durchführbarkeit untersucht; die Wirksamkeit wird in den nächsten Phasen geprüft.
Wann wird die Fetalchirurgie bei Spina bifida durchgeführt?
Im Mutterleib, in der Regel bis spätestens 25+6 Schwangerschaftswochen, in spezialisierten Zentren und nach Prüfung der Eignungskriterien für Mutter und Fötus. In der CuRe-Studie fand der Eingriff zwischen 24+5 und 25+5 Wochen statt.
Warum Stammzellen aus der Plazenta?
In präklinischen Studien zeigten diese mesenchymalen Stammzellen neuroprotektive und entzündungshemmende Eigenschaften sowie die Fähigkeit, für das Nervengewebe nützliche Wachstumsfaktoren auszuschütten. Deshalb wurden sie gewählt, um das freiliegende Rückenmark während des Eingriffs zu schützen.
Was bedeutet es, wenn eine Studie in Phase 1 ist?
Es ist die erste Phase der klinischen Prüfung am Menschen. Sie umfasst wenige Patientinnen und Patienten und soll zeigen, dass eine Behandlung sicher und praktikabel ist, nicht ihre Wirksamkeit belegen, die in späteren Phasen geprüft wird.
Quellen
Farmer DL, Kumar P, Reynolds E, et al. Feasibility and safety of cellular therapy for in-utero repair of myelomeningocele (CuRe Trial): a first-in-human, phase 1, single-arm study. Lancet. 2026;407:867-75.
