Lässt sich die Zellalterung zurückdrehen? Im Labor zumindest teilweise, ja. Eine neue Studie der Universität Bonn hat Blutzellen einer 80-jährigen Person auf ein biologisches Alter von unter 20 Jahren zurückgesetzt.
Das Ergebnis hilft zu verstehen, wie Zellen altern. Und es zeigt auch, was die Zeit für immer festschreibt: ein Thema, das alle direkt betrifft, die sich entscheiden, die Zellen ihres Kindes bei der Geburt einlagern zu lassen.
Was die Studie der Universität Bonn zeigt
Die Gruppe um Oliver Brüstle vom Universitätsklinikum Bonn hat die Studie gemeinsam mit der RWTH Aachen in Aging Cell veröffentlicht (Berg et al., 2026). Die Ergebnisse wurden in einer Medienmitteilung der Universität Bonn vorgestellt.
Die Forschenden entnahmen Blutzellen von Spenderinnen und Spendern jeden Alters, von Neugeborenen bis zu älteren Menschen. Anschliessend wandelten sie diese direkt in neurale Stammzellen um, aus denen Nervenzellen entstehen können.
Während der Umwandlung sank das biologische Alter der Zellen deutlich: Bei einer 80-jährigen Person erreichten die Zellen ein molekulares Alter von unter 20 Jahren. Laut der Studie blieben in den frühen Kulturphasen rund 13 % des Spenderalters erhalten, in den späteren rund 5 %.
Der Prozess verlief langsam und liess sich über mehr als 100 Tage beobachten. Deshalb, so die Autorinnen und Autoren, eignet er sich gut als Modell, um die Zellalterung zu untersuchen – und die Substanzen, die sie beschleunigen oder verlangsamen.
Zellalterung: Was die epigenetische Uhr misst
Das biologische Alter einer Zelle wird mit epigenetischen Uhren gemessen. Sie lesen kleine chemische Markierungen, die sich im Lauf der Zeit auf der DNA ansammeln und bestimmen, welche Gene abgelesen werden.
Diese Markierungen verändern die DNA-Sequenz nicht, also die «Buchstaben» des genetischen Codes. Deshalb kann die Reprogrammierung sie neu schreiben. Das geschieht auch, wenn Zellen in iPS-Zellen umgewandelt werden, also in pluripotente Zellen, aus denen sich fast jeder Zelltyp gewinnen lässt: Auf diesem Weg war die Verjüngung bereits bekannt, und sie verläuft schnell.
Für Brüstle ist das Thema zentral für die Neurowissenschaften, denn das Alter ist der wichtigste Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer.
Was die Zeit nicht löscht: DNA-Mutationen
Die Zellalterung hinterlässt nicht nur epigenetische Spuren. Mit den Jahren sammelt die DNA auch Mutationen an, kleine Fehler in der Sequenz, und die Reprogrammierung korrigiert sie nicht.
Blutstammzellen erwerben ab der Geburt im Durchschnitt rund 17 neue Mutationen pro Jahr (Mitchell et al., Nature 2022). Und reprogrammierte Zellen behalten sie: iPS-Zellen aus dem Blut von Spenderinnen und Spendern Ende 80 wiesen in den codierenden Genen etwa doppelt so viele Mutationen auf wie jene von Zwanzigjährigen (Lo Sardo et al., Nature Biotechnology 2017).
Kurz gesagt: Die Reprogrammierung dreht die Uhr zurück, nicht die DNA.
Warum bei der Geburt gewonnene Zellen ein einzigartiger Ausgangspunkt sind
Wenn sich Mutationen mit den Jahren ansammeln, hatten die bei der Geburt gewonnenen Zellen am wenigsten Zeit dafür. Das ist einer der Gründe, weshalb die Forschung Nabelschnurblut auch als Quelle für die Reprogrammierung betrachtet.
Zellen aus Nabelschnurblut lassen sich zu iPS-Zellen reprogrammieren, sogar mit nur zwei Faktoren (Giorgetti et al., Nature Protocols 2010). In einer 2013 in PLoS ONE veröffentlichten Studie wiesen iPS-Zellen aus Nabelschnurblut im Durchschnitt rund eine Mutation in codierenden Genen pro Zelllinie auf. Die Autorinnen und Autoren bezeichneten Nabelschnurblut als ideale Quelle für iPS-Zell-Banken.
Es handelt sich um Bereiche der Forschung und der klinischen Studien, noch nicht um therapeutische Standardpraxis. Sie erklären aber, warum die Zellalterung den Moment der Geburt so wertvoll macht: Es ist die einzige Gelegenheit, so junge Zellen einzulagern.
Mit MyBabyCells lagert SSCB Nabelschnurblut in der Schweiz ein, in einer Biobank mit FACT-NetCord-Akkreditierung und GMP-Zertifizierung. Für Erwachsene lagert SSCB mononukleäre Zellen des peripheren Blutes (PBMC) mit dem Angebot MyCells von EternaCell ein.
Möchten Sie wissen, wie Sie die Zellen Ihres Kindes bei der Geburt einlagern können? Entdecken Sie MyBabyCells oder kontaktieren Sie uns.
FAQ
Was ist Zellalterung?
Zellalterung umfasst alle Veränderungen, die die Zeit in den Zellen hinterlässt. Ein Teil betrifft epigenetische Markierungen, die steuern, welche Gene abgelesen werden. Ein anderer Teil sind Mutationen, die sich in der DNA-Sequenz ansammeln.
Lässt sich die Zellalterung umkehren?
Im Labor teilweise ja: Die Reprogrammierung schreibt die epigenetischen Markierungen neu und setzt das biologische Alter der Zellen zurück. Die Mutationen der DNA bleiben jedoch bestehen. Die Bonner Studie betrifft Zellen im Reagenzglas, nicht Menschen.
Was ist die epigenetische Uhr?
Eine Methode, die das biologische Alter einer Zelle schätzt, indem sie die chemischen Markierungen auf ihrer DNA ausliest. Das Ergebnis kann vom chronologischen Alter abweichen.
Warum macht die Zellalterung den Moment der Geburt so wichtig?
Weil Zellen, die bei der Geburt gewonnen werden, etwa aus dem Nabelschnurblut, weniger Zeit hatten, Mutationen anzusammeln. Deshalb gelten sie in der Forschung als guter Ausgangspunkt für die Reprogrammierung.
Kann Nabelschnurblut zu iPS-Zellen werden?
Ja, im Labor lassen sich Zellen aus Nabelschnurblut zu iPS-Zellen reprogrammieren. Es ist ein Forschungsgebiet: Therapien auf Basis von iPS-Zellen werden noch in klinischen Studien geprüft.
Hängt die Zellalterung nur vom Alter ab?
Das Alter ist der wichtigste Faktor. Die Forschung untersucht aber auch, welche Substanzen und Bedingungen die Altersspuren in den Zellen beschleunigen oder verlangsamen. Genau dafür wurde das Bonner Modell entwickelt.
Quellen
- Berg L. J. et al., Protracted Fate Acquisition and Epigenetic De-Aging During Induced Neural Stem Cell Conversion of Human Blood Cells, Aging Cell 2026
- Universität Bonn, Forschende verwandeln alte Blut- in junge Hirnzellen, 9. Oktober 2026
- Mitchell E. et al., Clonal dynamics of haematopoiesis across the human lifespan, Nature 2022
- Lo Sardo V. et al., Influence of donor age on induced pluripotent stem cells, Nature Biotechnology 2017
- Giorgetti A. et al., Generation of induced pluripotent stem cells from human cord blood cells with only two factors: Oct4 and Sox2, Nature Protocols 2010
- Few Single Nucleotide Variations in Exomes of Human Cord Blood Induced Pluripotent Stem Cells, PLoS ONE 2013
